Die unsichtbaren Wunden des Krieges – Buchbesprechung

Eine etwas andere Rezension

Traumatisiert, mit Orden als Trostpflaster, so kehrten zu allen Zeiten Soldaten aus Kriegen heim, und war dieser Krieg noch im Gange oder siegreich beendet, dann wurden sie als Helden empfangen. Denn das Grauen, das sie erlebt und verdrängt hatten, das ihnen noch gar nicht so ganz bewusst geworden war, sollte sie nicht eines Tages einholen können.
Helden zeigen ihre Wunden und Narben, die sichtbaren Wunden des Krieges, und sie sind stolz darauf. Sie zeigen nicht die unsichtbaren Wunden, an denen sie leiden, an denen sie solange leiden werden, wie sie sie vor sich selber verbergen. Auch die Zu-Hause-Gebliebenen sollen davon nichts erfahren. Das Selbstbildnis bekäme Risse, und ein Krieg ohne Helden wäre für die Daheim-Gebliebenen dasselbe wie eine Religion ohne Heilige. Also versucht man, das Leiden, das unsichtbare, klein zu halten, das immer wieder versucht, sich größer zu machen, und, da es nicht wahrgenommen wird, sichtbar zu werden.

Es trägt die Züge des Alkoholikers. Es bekommt die Augen des Drogensüchtigen. Es spricht die Sprache des Gewalttätigen. Und wenn der Held dann ganz vom Sockel stürzt, heißt es, dieser Mann gehört nicht mehr zu uns. Er hat sich ja selber von uns abgewendet.
Kriegsveteranen, die am Rande der Gesellschaft leben, an denen geht man, ohne hinzusehen, vorbei. Denn sie könnten ja einen, der zu Hause geblieben war, daran erinnern, dass der Zu-Hause-Gebliebene für diesen Krieg und das ganze Elend ebenso verantwortlich war (oder ist) wie der Soldat.
Diese für manche, die es lesen, merkwürdigen Sätze sind nicht aus dem Nichts entsprungen, sondern Niederschlag bitterer Erfahrung, die Viele „gemacht haben: Veteranen von 14/18, von 39/45, von vorherigen, von nachherigen Kriegen. Veteranen des Indochinakrieges, Veteranen des darauf folgenden Vietnamkrieges. Veteranen, die auf dem Balkan, in Afghanistan, im Irak Soldaten waren und nun in Kameradschaftsverbänden und bei Nationalfeiertagen ihre mit Orden geschmückte Brust schwellen lassen oder die 1969 oder 1970 zusammen mit hunderten anderer Vietnamveteranen in Washington D. C. ihre Orden über den Zaun vorm Weißen Haus geschmissen haben. Einer von ihnen war Claude AnShin Thomas.

Claude AnShin Thomas in Bochum
Claude AnShin Thomas in Bochum

Claude war siebzehn, als er zur Army ging und noch nicht zwanzig, als er aus Vietnam, schwer verwundet, nach Hause kam – stigmatisiert. Er fühlt sich für den Tod vieler Menschen verantwortlich und betäubt sich: Medikamente, Drogen, Alkohol. 23 Jahre später, 1990, begegnet er Thich Nhat Hanh. Der buddhistische Mönch darf nicht mehr nach Vietnam zurückkehren und betreut in den Vereinigten Staaten und in Frankreich Vietnam-Flüchtlinge und US-Kriegsveteranen. Claude lernt, über seine Erfahrungen zu sprechen und sich von seinem Kriegstrauma zu befreien. Er lebt mehrere Jahre in Plum Village, einem buddhistischen Zentrum bei Bordeaux, das Thich Nhat Hanh gegründet hat. Er wird Mönch. Er wird im Peace-Maker-Orden aktiv. Er veranstaltet Seminare und Straßenretreats und kümmert sich um Strafgefangene. Er pilgert, von einer Gruppe Gleichgesinnter begleitet, durch Nordamerika, Asien und Europa, einmal von Auschwitz nach Hiroshima, mitten durch Kriegsgebiete.
In Bosnien spricht er mit Scharfschützen beider Seiten, in Wien und Rom zu Studenten und Professoren. Ein echter Bhikkhu, der nichts besitzt als zwei paar Schuhe und seine drei Roben, ein Hausloser, ein Wandermönch wie zu des Buddhas Zeiten.

Jetzt hat Claude AnShin seine (Selbst)Erfahrungen in einem Buch* zusammengefasst. Darin schildert er das Leiden, aus dem Gewalt, Krieg, hervorgeht. Er spürt den tieferen Ursachen nach. Wir sind gewohnt, sie „draußen, bei Anderen, zu suchen. Claude AnShin findet sie in sich selber, in unserer Natur, in unserer Kultur:
„Krieg ist nicht etwas, das uns äußerlich geschieht; meinem Verständnis und meiner Erfahrung nach ist Krieg ein kollektiver Ausdruck individuellen Leidens.
Krieg, sagt er, werden wir nie ganz abschaffen können. „Wir können jedoch das Antlitz des Krieges verändern. „Wir müssen mit dem Feind zusammensitzen, denn der Feind ist niemand anders als wir selbst. „Wenn wir das verstehen und akzeptieren, dann werden wir anfangen, Frieden zu finden.
Claude hat diesen Frieden gefunden – in sich selber. Das befähigt ihn, Frieden zu stiften. Er zeigt uns, dass es möglich ist, unsere eigenen Gewalterfahrungen zu transformieren, indem wir lernen, Konflikte, wo immer sie auch auftreten, friedlich zu lösen.
Sein Buch könnte vor allem vielen jungen Menschen, die Militär- und Kriegsdienst leisten wollen, die Augen öffnen.
Im April 2002 bin ich ihm bei seinem Vortrag über „Die Grundlagen des Friedens“ in Bochum begegnet. Wir hatten ein langes und sehr bewegendes Gespräch. Denn ich bin ja auch als Soldat in Vietnam gewesen, als Pazifist heimgekehrt und Buddhist geworden – dank eines Vietnamesen: Thich Nhat Hanh.

* Claude AnShin Thomas: Krieg beenden, Frieden leben. Ein Soldat überwindet Hass und Gewalt,
140 Seiten,
Theseus Verlag Berlin 2003, 14,90 Euro.
© Dietrich Stahlbaum

http://www.dietrichstahlbaum.de

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