Die Fußball-Weltmeisterschaft, die deutsche Nationalhymne und der Nationalismus

Vor Beginn jedes Spiels stellen sich die beiden Mannschaften in Reih und Glied auf den Platz, aus den Lautsprechern ertönt, meistens von einer Militärkapelle gespielt, Blasmusik, und die Ballakrobaten jeweils einer Mannschaft bewegen die Lippen oder warten in angespannter Regungslosigkeit und starrem Blick auf den Anpfiff. Mehr oder weniger gut zu hören sind – das hängt von der Qualität der Lautsprecheranlage ab – zwei Nationalhymnen.

Ich kann damit nicht so unbeschwert und unbefangen umgehen wie das Gros der jungen Leute, für die eine nationale Identität keine so große Rolle spielt, wie der Bundesinnenminister es sich wünscht und die Massenmedien es suggerieren.

Die jüngeren Generationen sind weltoffener als meine Generation und so weit globalisiert, dass sie sich (fast) überall zuhause fühlen können, jedenfalls dort, wo Großstädte, Hotels, Swimmingpools und Badestrände, Fastfood und Coca-Cola, Rockmusik, Computersprache und –spiele die gleichen sind.

Globalisiert ist auch der Fußballsport: Spieler und Trainer tauschen einander international aus, bei den Vereinen zählt das Können, nicht die Herkunft, weder die soziale noch die nationale oder ethnische. Das ist gut so, denn es wirkt der Xenophobie, den nationalistischen und rassistischen Ängsten und den entsprechenden Vorurteilen entgegen. Diese haben in meiner Generation, besonders bei Ostflüchtlingen, epidemische Ausmaße. In den Vertriebenenblättern findet man es gedruckt.

Ich habe, da selber aus dem Osten stammend, ständig mit diesen Leuten umgehen und mir das anhören müssen, was der nationalsozialistische Ungeist in ihren Köpfen angerichtet hat. Man brauchte die Heimatfrage nur anzutippen. Die neue Heimat, in der die meisten von ihnen zu viel größerem Wohlstand als in der alten Heimat gekommen sind, verblasst vor dem verlorenen Paradies oder wird als bedrohlich empfunden: „Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg, sie überfremden Deutschland, sie ruinieren uns.“

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft geht es ihnen darum, „es den anderen mal zu zeigen“ (wie groß und stark Deutschland ist). Da kochen nationalistische Ressentiments wieder hoch, der Revanchismus feiert Urständ, die Spieler auf dem Feld werden zu Soldaten, welche für die Ehre Deutschlands kämpfen, der Ball wird zum Geschoss.

Ich schaue mir die Spiele an, die interessant zu werden versprechen, und freue mich, wenn eine gute Mannschaft gewinnt. Ich kann aber bei solchen großen Sportereignissen den historischen Hintergrund nicht ausblenden. Denn ich habe 1933-39 die (Papier-)Fähnchen wedelnden Massen erlebt und habe die Parolen noch im Kopf, die über Lautsprecher, Radio nebst Marschmusik Stadien, Straßen und Plätze füllten. Eine ungeheure Emotionalisierung eines ganzen Volkes. Der Massensport, Fußball, Olympiade 36, nationale und regionale Meisterschaften, Autorennen, Flugschauen, Kieler Woche, Truppenparaden: Es waren aufwändige Inszenierungen, um von den sozialen Problemen, die auch durch Aufrüstung und Autobahnbau nicht gelöst wurden, abzulenken, um „das Volk zusammenzuschweißen“, es in Reih und Glied zu bringen, es auf Befehl und Gehorsam einzuschwören und ihm ein Gefühl der Macht zu suggerieren, einer von oben gesteuerten Macht. Kritik verstummte unter dem Sieg-Heil-Gebrüll oder ging in die „innere Emigration“. Wo das endete, wissen wir alle.

Damals sangen wir bei öffentlichen Veranstaltungen alle drei Strophen des Deutschlandliedes, dann „Die Fahne hoch!“, das „Horst-Wessel-Lied“. Beide galten als Nationalhymnen. Wenn ich Hoffmanns Verse heute als antiquiert, nämlich anachronistisch bezeichne, dann deshalb, weil wir in einem Nationalmuseum zwar viel über die eigene Geschichte erfahren, nichts jedoch darüber, wie wir Gegenwart und Zukunft gestalten können. Die Welt hat sich seit Hoffmann von Fallersleben, der übrigens ein Chauvinist, Franzosenhasser und Antisemit gewesen sein soll, total verändert. Das nationalstaatliche Denken alter Prägung ist überholt. Auch die Werke des Kosmopoliten Goethe und des Idealisten Schiller sollten heute wie alle Literatur im kulturhistorischen Kontext betrachtet werden.

Wir haben eine Weltkultur. Dazu gehört der „Ulysses“ von James Joyce ebenso wie das gesamte philosophische Werk aller Kontinente. Autoren aus Afrika und Asien schreiben in mehreren Sprachen, u. a. in Englisch und Französisch. Asiatische Komponisten studieren im Westen, europäische und amerikanische in Asien. Ihre Musik ist eine Synthese mehrerer Kontinente. Picasso hat afrikanische Kunststile übernommen, Afrikaner studieren Kunst an europäischen und amerikanischen Akademien. Die kulturelle Globalisierung weist in eine noch ferne, friedliche Zukunft.

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