Ein paar Gedanken über die »Medizin der Emotionen«

«Die eingeborene Unwissenheit der westlichen Menschen
und ihr Mißtrauen gegenüber der Welt der inneren Erfahrung
bildet das hauptsächliche Vorurteil gegenüber der Anerkennung
östlicher Weisheit.«

C. F. Baynes, 1931

Vor sehr langer Zeit hat ein Tier angefangen, über sich selber nachzudenken und wurde ein Mensch. Seitdem beobachtet und erforscht der homo sapiens seine Gattung mit immer feineren Methoden und bedient sich dabei der jeweils neusten Technik. So ist er der Evolution auf die Spur gekommen und hat feststellen müssen, dass das eigene Bild, das Selbstbild des Menschen, sich dem jeweiligen Erkenntnisstand entsprechend verändert (was nicht heißt, dass alle auf demselben Erkenntnisstand sind).

Der Mensch ist seit Darwin nicht mehr „Gottes Geschöpf“ und seit Karl Pribram/David Bohm/Ken Wilber/Abraham Maslow weder Körper und Geist, weder Geist oder Körper, sondern beides in einem. Das lässt sich nicht mehr mit dem alten Dualismus von Körper und Seele, die eines Tages den Korpus verlässt und entschwebt, um ewig weiterzuleben, erklären. Der Mensch ist keine beseelte und denkende Maschine, wie Descartes und Newton annahmen und es mechanistische Philosophen, Natur- und so genannte Geisteswissenschaftler noch heute lehren, sondern Natur- und Geisteswesen zugleich.

Das, was wir »Leben« nennen, sind beim Menschen dynamische Prozesse: Interaktionen*
zwischen Körper/Gehirn/Materie/Natur ↔ Geist/Intellekt/Emotionalität (Gefühl).

Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse zeigt der Neurologe und Psychiater David Servan-Schreiber in seinem Buch DIE NEUE MEDIZIN DER EMOTIONEN Wege zur Gesundheit, die da ansetzen, wo Ursachen von Krankheiten, die uns heute am meisten bekümmern, am wenigsten vermutet und beachtet werden: bei der Inkohärenz, beim Chaos in unserem Kopf. Gemeint ist, vereinfachend gesagt, die Disharmonie von Gefühl und Vernunft, von emotionalem und kognitivem Gehirn.

Wir alle wissen: Allein wer seine Emotionen unter Kontrolle hat, kann klar sehen, klar denken. Und erfahren nun: Es ist das zweite, ältere Gehirn, das emotionale, welches mit dem jüngeren, dem kognitiven, dem intellektuellen Gehirn „kooperieren“ muss, damit wir trotz aller Widrigkeiten eine innere Harmonie erlangen und sie in allen Situationen bewahren können. Denn nur so können wir gesund werden, gesund bleiben und im Stande sein, inner- und zwischenmenschliche Konflikte zu lösen, Frieden zu stiften. Innere Harmonie: Techniken, die dort hinführen, waren schon den Yogis und dem Buddha vertraut. Zen kam etwa 1000 Jahre später.

DIE NEUE MEDIZIN DER EMOTIONEN ist keins der Bücher, die auf der Ego-Wellness-Welle schwimmen. Es handelt zwar von unserem Wohlbefinden, aber im Hinblick auf unsere soziale und ökologische Verantwortung und unser Tun.

Servan-Schreiber hat in den USA als Chefarzt für Psychiatrie praktiziert und auf vielen Gebieten der Medizin, Psychologie und vor allem der Neurologie Grundlagenforschung betrieben und in Indien traditionelle tibetische Medizin studiert. Er ist Mitbegründer der »Ärzte ohne Grenzen« (USA) und hat in Kriegs- und Katastrophengebieten traumatisierte Menschen betreut. Diese Erfahrungen haben ihn dazu bewogen, asiatisches Heilwissen und bewährte Techniken aus Asien in ein ganzheitliches System zu integrieren und neue, erprobte Heilmethoden einzuführen:

Biofeedback, Akupunktur, Lichttherapie. Breitensport wie das tägliche Jogging, natürliche, Omega-3-Fettsäuren-haltige Ernährung, EMDR, eine neuartige Traumatherapie (Neuroemotionale Integration durch Augenbewegungen) und Techniken der emotionalen Kommunikation.

Das Buch ist leicht lesbar und daher auch für „Laien“ sehr hilfreich, was man von der üblichen medizinischen Fachliteratur – Esoterik der weißen Schamanen – nicht behaupten kann. Deshalb kann ich es allen, die ihren Horizont erweitern wollen, empfehlen.
————————–
* Interaktion, im Sinne von wechselseitigem Auf-einander-Einwirken

– Über Bedeutung und Wirksamkeit des Placebo-Effekts in einem anderen Beitrag. Hier schon mal die Hypothese: Würde der Placeboeffekt umfassend und gründlich erforscht werden, dann gäbe es bei der Pharmaindustrie und bei den meisten Apothekern einen Schock. Es käme nämlich heraus, dass auf wenigstens die Hälfte aller Medikamente verzichtet werden könnte, vor allem auf solche, die schädliche Nebenwirkungen haben.

David Servan-Schreiber: Die neue Medizin der Emotionen Stress, Angst, Depression: Gesund werden ohne Medikamente, München 2004
Verlagsinformationen über das Buch, Textauszüge: http://www.medizin-der-emotionen.de/

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