Die asiatische Antwort oder Weisheit des Ostens versus westliche Hybris. Rezension

Park, Die Krise

Im 20. Jahrhundert wurden durch die vom Westen, von Europa und den USA ausgehende wirtschaftliche und industriell-technische Globalisierung die politischen und sozialen Strukturen auf unserm Planeten und die Natur ganzer Regionen zerstört oder schwer geschädigt. Heute ist die Erde ein einziger Krisenherd. Dass es dazu kommen würde, erkannte schon 1982 der austro-amerikanische Physiker und Philosoph Fritjof Capra. Dabei handelt es sich, schrieb er damals, „im wesentlichen um eine Krise der Wahrnehmung“: „…wir versuchen, die Begriffe einer längst überholten Weltanschauung – des mechanistischen Weltbildes der kartesianisch-Newtonschen Naturwissenschaft – auf eine Wirklichkeit anzuwenden, die sich mit den Begriffen dieser Vorstellungswelt nicht mehr begreifen lässt.“ Deshalb forderte er in THE TURNING POINT (1982), dt: WENDEZEIT. Bausteine für ein neues Weltbild (1983), den radikalen Paradigmenwechsel zu einer ganzheitlichen, ökologischen Denk- und Lebensweise, die es uns, der Menschheit, ermöglichen soll, aus dem Dilemma herauszufinden. (Die Zitate sind aus diesem Buch, S. 10)

1975 war in den USA THE TAO OF PHYSICS erschienen. Die deutsche Übersetzung DAS TAO DER PHYSIK (Untertitel: Die Konvergenz von westlicher Wissenschaft und östlicher Philosophie) folgte 1977. Capra hat die philosophischen Implikationen der durch Einstein, Planck, Heisenberg, Bohr und andere begründeten modernen Physik weiter entwickelt und versucht, dem ganzheitlichen Weltverständnis der fernöstlichen Kulturen im Westen Geltung zu verschaffen. Beide Bücher wurden Bestseller, ihr Autor aber wurde belächelt und als Esoteriker abgetan.

Nun haben sich die westlichen Anschauungen auch in Asien verbreitet und dort Kulturen und Wirtschaftsweisen beeinflusst. An Capra anknüpfend, setzt sich der koreanische Dichter und Philosoph Ynhui Park mit diesen Anschauungen kenntnisreich auseinander. (Das Folgende ist eine kurze, verkürzende Zusammenfassung aus Vorträgen und Aufsätzen von Ynhui Park, die in einer Auswahl jetzt in der deutschen Übersetzung seines Freundes Karl Reinhard Friebe erschienen ist. Titel: Die Krise der technologischen Zivilisation und die asiatische Antwort)

Ynhui Park erkennt die Bedeutung der im Westen entstandenen wissenschaftlichen Technologie durchaus an, denn „ihr Nutzen für die Menschheit kann nicht geleugnet werden“. (z. B. Eisenbahnen, Flugzeuge, Telefone, Computer, Kühlschränke, Raumschiffe, eine fortgeschrittene medizinische Versorgung). Ebenso verhält es sich mit den philosophischen Voraussetzungen dieser Technologie: dem „wissenschaftlichen Begreifen der Natur“, der „materiellen Welt“: „ein Kind der westlichen Rationalität“.

Ynhui Park folgert daraus: „Der eigentliche Grund oder die Gründe der [heutigen] Krise sind nicht wissenschaftliche Technologie oder wissenschaftliche Erkenntnis oder Rationalität als solche, sondern deren Anwendung zur Befriedigung unserer unersättlichen Wünsche, und letztlich die anthropozentrische Wertvorstellung, die die Interessen anderer lebender Wesen völlig vernachlässigt. (…) Anthropozentrismus setzt einen metaphysischen Dualismus voraus, der die Wirklichkeit des Universums endgültig in zwei verschiedene Bereiche trennt, (…), das Geistige und das Materielle, das Transzendente und Immanente, Subjekt und Objekt…“ Dieser Dualismus bestimmt fast das gesamte westliche Denken und Handeln und wurde nur von wenigen Philosophen in Zweifel gezogen (z. B. von Heraklit, Hegel, Nietzsche, Bergson und Whitehead). Daraus erklärt sich der achtlose Umgang mit der als vom Menschen getrennt existierend verstandenen Natur und ihre rücksichtslose Ausbeutung. Daher ist „die letzte Ursache für die heutige Krise (…) im westlichen metaphysischen Dualismus zu suchen.“ –

Metaphysischer Dualismus und Anthropozentrismus sind älter, als Ynhui Park anzunehmen scheint, und tiefer in unserer Kultur verwurzelt. Da heißt es z. B. in der biblischen Genesis: „Und Gott segnete sie [die Menschen] und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und“ – nun kommt`s: „machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über alles Lebendige, was auf Erden kriecht!“ [1. Mose – Kapitel 1]

Demnach wussten schon die Priester des alten Orients, wie man sich die Omnipotenzfantasien des Menschen zunutze macht.

Wie nun könnte die „Krise der technologischen Zivilisation“ überwunden werden? Die überraschende Antwort: durch „Integration westlicher Technologie in die asiatische Philosophie“. Ynhui Park meint damit den Buddhismus, den Taoismus und den Konfuzianismus. Er erläutert die grundlegenden Eigenheiten dieser Philosophien, die alle eins gemeinsam haben: sie begreifen den Menschen vollständig als Teil der Natur, sind also „naturzentriert“, ökologisch, und dies bedeutet ganzheitlich. Damit entfällt eine „Rechtfertigung für die Ausbeutung der Natur allein für menschliche Zwecke.“ Nicht mehr der Mensch steht im Mittelpunkt allen Seins, sondern – Ynhui Park zitiert den chinesischen Philosophen Chuang Tse (Laotse): „Das Universum und ich existieren gemeinsam, und alle Dinge und Ich sind eins.“ Ebenso dachte der bedeutendste Physiker des 20.Jahrhunderts: „Ein Mensch ist ein räumlich und zeitlich beschränktes Stück des Ganzen, was wir «Universum» nennen.“ Albert Einstein.

Eine solche Einstellung entzieht dem Egozentrismus und dem Egoismus den Boden. Wenn wir die Krone, die wir als Menschheit uns aufgesetzt haben, abnehmen und die „Schöpfung“ den Mythen zuordnen, haben wir die besten Voraussetzungen zur BeWELTigung der großen existentiellen Krise. –

Ynhui Park, 1930 in Korea geboren, hat in Seoul, Paris und Los Angeles studiert und zwei Mal promoviert (Literatur, Philosophie). Gastprofessuren in den USA, Asien, Europa, u. a. in Mainz. Der Wissenschaftler und Lyriker hat über 50 Bücher in koreanischer, englischer und französischer Sprache veröffentlicht, darunter 5 Gedichtbände.

Ynhui Park; Karl-Reinhard Friebe
Die Krise der technologischen Zivilisation und die asiatische Antwort

Reichert 2013
56 Seiten; EUR 15,50 ISBN: 978-3-89500-949-5

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