Plogoff: 6 000 Jahre Widerstand in der Bretagne. Foto-Textdokumentation (1980)

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WAZ-Bericht (Bochum) vom 25.04.1981

Die nachfolgenden SW-Fotos stammen aus dieser Ausstellung:

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Cap Sizun – „notre bout du monde“, sagen die Bewohner des Kaps: „unser Ende der Welt“ – liegt an der äußersten Westspitze Frankreichs. Es gehört zum Département Finistère (vom Lateinischen finis terrae: Ende der Welt).

Standort des 5 200-Megawatt-Atomkraftwerkes sollte die Commune Plogoff sein, eine Großgemeinde mit dem Dorf Plogoff (2 350 Einwohner), einigen anderen kleineren Dörfern, Siedlungen und verstreuten Gehöften.

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Hier sollte „La centrale“, wie die Bretonen sie nannten, die Atomzentrale „in die Felsen gepflanzt werden“ – mit katastrophalen Folgen…

plogoff-bretagne-40Die Pointe du Van, im Hintergrund die Pointe du Raz, dazwischen die Baie des Trépassés, die Bucht der Abgeschiedenen. Aus ihren Tiefen steigen jedes Jahr am 2. November die Gerippe der Ertrunkenen ans Land,…

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…klopfen an die Türen der Häuser und bitten um ein Leichentuch.

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Sie suchen auch diese Kapelle auf.

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Seit dem 15. Jahrhundert steht sie auf der Pointe du Van. In Sturmnächten beten hier die Frauen der Fischer für ihre Männer.

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Viele Schiffe zerschellten an solchen Klippen.

Vor rund 6 000 Jahren begannen die Bewohner der Atlantikküste, Einwanderer aus Asien, Granitblöcke aus dem Fels herauszusprengen, über Entfernungen bis zu 3 km zu transportieren und riesige Kultstätten zu errichten: Dolmen: Grabanlagen, Menhire, Alignements: Steinalleen.

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Dies ist eine der zwölf großen Alignements bei Carnac in der Bucht von Morbihan, 125 km südöstlich von Plogoff.

Über 1 000 Menhire, angelegt in geometrischer Ordnung zu 10 Reihen, 8 km lang. Ihre Bedeutung ist umstritten. Vermutlich eine Kultstätte, wahrscheinlich auch eine Navigationsanlage der frühen Seefahrer. Niemand weiß genau, wie diese Steine hierher geschafft und wie sie aufgestellt worden sind – mehr als 1 000 Jahre vor dem Bau der ägyptischen Pyramiden.

Zeugnisse einer vorkeltischen Kultur zwischen 4 000 und 1 500 vor der Zeitrechnung, der Megalith-Kultur.

Reste solcher Anlagen befinden sich auch an der spanischen Westküste, in Schottland, Irland, Cornwall und Wales. Dort sind es die Stonehenges, Steingehänge.

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Eine heilige Quelle, frühkeltischen Ursprungs, ein Wallfahrtsort an der Pointe du Van.

Im 5.Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung begannen keltische Briten, von Angeln und Sachsen aus England vertrieben, den Norden der heutigen Bretagne zu besiedeln. Sie wurden bald Bretonen genannt, die Kelten aus Großbritannien. Sie lebten vom Krebs- und Fischfang, von der Schafzucht, vom Ackerbau, von der Seefahrt und vom Handel. Sie brachten ihre Sprache und das Christentum mit.

Die bretonische Sprache, die bretonische Kultur, ist also keltischen Ursprungs. Sie ist bis heute erhalten. Eine rund 1 500 Jahre alte Kultur.

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Die Fischer in der Bretagne müssen schwer arbeiten, aber ihr Verdienst ist auch heute sehr gering.

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Dieser alte Fischer saß stundenlang vor seinem Haus,…

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… in dieser Küche,…

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…oder draußen am Misthaufen. Er hatte die Village seit Jahren nicht mehr verlassen. Ihm waren im letzten Krieg die Rippen und ein Bein zerschossen worden. Jedes Mal, wenn ich an ihm vorbei kam, winkte er mich zu sich. Er war dankbar, wenn jemand ihm zuhörte und mit ihm sprach.

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Auch seine Frau war gehbehindert und schleppte sich mühsam an einer Krücke ihres Mannes über den Hof, um die Hühner und ihre Kaninchen zu füttern. Tagsüber kümmerte sie sich um ihre Enkelkinder, die ihr die Frau ihres Sohnes aus der Nachbarschaft brachte. Der Sohn war bei der Handelsmarine und wochenlang unterwegs.

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Die Boulet-Spieler sprachen miteinander bretonisch.Diese Sprache war zeitweilig verboten. Seit einigen Jahren wird Bretonisch wieder in den Schulen unterrichtet, als Wahlfach; und an der Uni Rennes, der Provinzhauptstadt, gibt es eine Fakultät für keltische Sprachen. Überall finden wir bretonische Eigen- und Ortsnamen.

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Flötenspieler mit einer Gruppe aus Deutschland.

Bretonische Musik, bretonischer Tanz, das hölzerne Blasinstrument stammt aus keltischer Zeit, ebenso wie die Rhythmen und Melodien, Tänze und Instrumente Irlands, Schottlands, in Cornwall und Wales. Auch dort wird noch keltisch gesprochen.

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Die Fähigkeit, sich, wenn Gefahr droht, hartnäckig zur Wehr zu setzen, hat das bretonische Volk in Jahrhunderten permanenter Bedrohung erworben. Seine Geschichte ist eine Geschichte des Widerstandes, der Résistance. Sie ist überall in der Bretagne gegenwärtig.

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„Plogoff ist nicht zu verkaufen.“

Ein Comité de Défense veranstaltete jeden Monat Generalversammlungen, an denen ein großer Teil der Bewohner Plogoffs und der Umgebung teil nahm. Die Leute informierten sich über die Problematik der Atomenergie. Petitionen, Eingaben, wurden unterschrieben, auch von vielen französischen und ausländischen Besuchern des Komitee-Büros.

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Am 17. September 1978 versammelten sich 8 000 Menschen zu einem Demonstrationszug am Standort der geplanten Atomzentrale. 25 000 Menschen im November in Quimper, der Hauptstadt des Departements. Kraftwerkgegner aus ganz Frankreich erwerben durch finanzielle Einlagen 60 ha Land auf den geplanten Werksgelände, auf dem eine Bergerie, eine Schäferei, errichtet wird.

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Der Widerstand eskaliert, als eine „Volksbefragung über Zweck und Nutzen“ des Atomkraftwerkes in Plogoff sich als Täuschungsmanöver erweist. Es kommt zu Straßenblockaden….

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…und schweren Auseinandersetzungen zwischen bis zu 20 000 Demonstranten und über 500 Polizisten der Garde Mobile mit Panzerfahrzeugen und Offensivwaffen, mit Gasgranaten , die wegen ihrer Gefährlichkeit bei der französischen Armee verboten sind. Demonstranten werden von Schlagstöcken und Explosivgranaten verletzt und viele von ihnen verhaftet. Bald sind es 100 000 Demonstranten aus ganz Europa auf Cap Sizun. Darunter die gesamte medizinische Körperschaft der Region: alle Ärzte, Krankenschwestern und –pfleger, die Zahnärzte, Apotheker und Angestellten. Angehörige der Inhaftierten und andere treten in den Hungerstreik.

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Drei von ihnen habe ich in der Kirche von Plogoff besucht.

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„Belagerungszustand in Plogoff. Die Demokratie kommt unter den Hieben von Schlagstöcken voran.“

Ich habe mit vielen Menschen auf Cap Sizun gesprochen, aber keinen einzigen getroffen, der das Kraftwerk, la centrale, begrüßt hat. Die Brutalität der Garde Mobile hat dem Letzten die Augen geöffnet.

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In einer kleinen Fischerkneipe erzählte der Wirt (Bild), ein ehemaliger Seemann, wie er 1980 bei den Polizeiaktionen gegen die demonstrierende Bevölkerung auf dem Kap sich mit der Garde Mobile geprügelt hat, dass er Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs gewesen ist, sein Parteibuch jedoch zerrissen hat, als Georges Marchais, damals Generalsekretär der PCF, sich für den Bau der Atomzentrale in Plogoff erklärte. Dann sah er mich misstrauisch an. „Es gibt hier Spione“, sagte er. „Ich habe das während der Okkupation erfahren. Das sind Dinge, die unter uns, Bretonen, bleiben müssen. Ich kenne Sie nicht. Ich weiß nicht, wer Sie sind.“

Aber dann sagte er: „Hier war ich in der Résistance. Das war so: Wir haben uns verteidigt. Nun machen wir den Franzosen den Krieg. Wir sind jetzt nur noch Bretonen… Gestapo? Was soll ich da sagen? Das ist alles kompliziert. Auch mein Bruder war dabei. Ich habe meinen Bruder verloren. Er war auf einem Schiff, das von einem U-Boot versenkt wurde. Er war 21 Jahre alt. Das ist der Krieg. Warum Krieg? Warum Krieg machen? Warum? Für den Kapitalismus – der Krieg? Das ist nichts für uns. Ich war mit drei Schiffen im Libanon. Schiffe einer Gesellschaft in Marseille. Wir waren in Beirut. Ich hatte Mehl geladen, um es hungernden Kindern zu bringen. Die anderen hatten Waffen geladen. Auf der Insel Sein, auf Sein da drüben“ – er zeigte auf die kleine der Pointe du Raz vorgelagerte Insel – „waren Kinder, die hungerten, und es war zu befürchten, dass sie sterben. Für sie habe ich Brot gebacken. Einmal, als ich dabei war, Brot zu backen, kamen vier Leute in die Küche und baten um Essen. Ich gab jedem von ihnen ein Brot. Sie aßen das Brot. Fünf Minuten später kamen sie wieder zurück und baten zu essen. Ich gab nochmals jedem ein Brot. Sie aßen. Nachher kamen sie noch einmal, und ich gab ihnen einen Sack voll Brot. Da haben sie, alle vier, mich umarmt. Es war ein Katholik, es war ein Mohammedaner, es war ein Protestant, und es war ein Hindu. Und die vier hatten Hunger. Sie waren Kameraden. Und nun ist Krieg in Irland zwischen Katholiken und Protestanten. Das ist nicht gut.“

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„C´est une histoire tragique“ – Es ist eine tragische Geschichte, sagte der Docteur Savina zu mir (Bild), ein Arzt und aktiver Kraftwerksgegner. Die Bretonen sind ein Volk, das Frieden will. Sie lehnen Gewaltsamkeiten ab, aber sie wehren sich hartnäckig, wo immer versucht wird, ihnen eine fremde Gewalt aufzuzwingen.

Am 30. Mai 1981 meldete auch die deutsche Presse: „Frankreichs neue Regierung hat ein Wahlversprechen von Staatschef Mitterand eingelöst und das Kernkraftprojekt von Plogoff an der bretonischen Küste gestoppt.“ (WAZ)

Ich habe mich bald davon überzeugen können, dass es hier nicht nur um den Bau, um den Standort eines Kernkraftwerkes ging: Die Leute vom Gap Sizun kämpften um mehr als um die Erhaltung ihrer natürlichen Lebensgrundlage, ihrer Landschaft, und sie kämpften nicht allein aus Furcht vor einer Technik, deren Folgen unabsehbar sind.

Woher kommt diese Widerstandskraft, die Kraft zu überleben?

Die Bretonen schöpfen sie aus ihrer Kultur. Und dies ist eine soziale Kultur, ist Kommunikation, Solidarität, Kooperation ohne Altersunterschied, auch zwischen Mittelstandsbürgern und Proletariern. Jean-Marie Kerloc’h, der Bürgermeister von Plogoff, ist Sozialist. Der Docteur Savina in Pont-Croix – er demonstrierte an der Spitze der Mediziner mit – ist ein vom Christentum und vom Humanismus geprägter Mittelständler. Beide sind Bretonen.

Und das bedeutet: gemeinsame historische Erfahrungen, la resistance durch Jahrhunderte. Ethnische Identität.

„Wir sind zuerst Bretonen, dann Franzosen“, sagen sie. Und sie sagen auch: „Keine Parteien mehr, nur noch Bretonen.

Es ist, glaube ich, bei den meisten von ihnen mehr das Gefühl einer gemeinsamen Geschichtlichkeit als historisches, intellektuelles Bewusstsein, das sie zusammenhält.

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(Die Texte sind Ausschnitte aus meinem Diavortrag. Fotos © Dietrich Stahlbaum 1980)

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