Herr T. blickt in die Zukunft. Realsatire

 Hallo Herr T.,

zum Schluss noch eine kurze Geschichte, die sich aus Ihrer Frage ergibt:
„Wozu also weitere Migration?“

Ihre Begründung: „Der angebliche Fachkräftemangel ist eine Farce und ließe sich mit Hilfsarbeitern aus Anatolien auch nicht beheben. Was soll das Ganze also? Wozu brauch ein Hochtechnologieland wie Deutschland Menschen ohne Bildung? Wozu benötigen wir hohe Geburtenraten während der technologische Fortschritt ganze Berufsgruppen in den nächsten 20 Jahren überflüssig machen wird? Oder glaubt hier jemand wirklich daran, dass es in 20 Jahren noch Berufe wie den des Kellners, ausgeführt von Menschen, geben wird?

Die Politik täte gut daran einmal darüber nachzudenken, was die heute zur Welt gebrachten Kinder der Migranten denn in 20 Jahren für Jobs ausüben sollen, in einer Welt in der viele Jobs dann durch Roboter ausgeführt werden dürften?“

Und wir Alten werden, wenn wir auch den Hintern nicht mehr hochkriegen und weil es keine Pflegekräfte gibt, nicht versorgt, sondern entsorgt: Spritze, dann ab ins Krematorium!

Wenn Sie, Herr T., soweit sind, schickt die Barmer einen Pflegeroboter zu Ihnen ins Haus. Der holt morgens den Urinalbeutel aus Ihrem Bett, wischt Ihren Allerwertesten ab, wäscht Ihre vier Backen und putzt Ihre Zähne. Danach führt der Roboter den Suppenlöffel an Ihren Mund, den Sie selber nicht mehr finden, und wischt den Sabber aus Ihrem Bart, der aus Zeit- und Kostengründen ebenso wie Ihr Kopfhaar nicht mehr geschnitten wird, es sei denn, Sie bezahlen der Kasse diesen Extradienst. Am Abend wiederholt sich die Prozedur, der Roboter dockt den Urinalbeutel bei Ihnen an, packt Sie ein, und Sie träumen einer herrlichen technologischen Zukunft entgegen, die den Menschen eigentlich völlig überflüssig macht.

Fragen zur Integration unserer ,muslimischen Mitbürger_innen. Extremismus im Islam, Salafisten. 1. Replik

Lieber B. T. aus meiner Nachbarstadt Marl,

die Definitionen von »Integration« und »Segregation«, die Sie aus Wikipedia zitieren, sind zu abstrakt, um damit etwas anfangen zu können. Wir hätten es gern konkret:
Was zeichnet einen in Deutschland integrierten Muslim aus? Sie deuten es an: Stichwort: Sprachkurse. Also die Fähigkeit, sich auf Deutsch zu verständigen. Denn Sprache ist bekanntlich „der Schlüssel zur Bildung und zur Integration“.

Wenn Sie mal mit offenen Ohren durch Marl und Recklinghausen gehen würden, müsste Ihnen auffallen, wie viele Menschen, die offensichtlich aus anderen Kulturkreisen stammen, so gut deutsch sprechen, dass Sie sie verstehen. Viele von ihnen beherrschen unsere Sprache besser als manch Alteingesessener, als manch „Biodeutscher“, wie man heute sagt. Und wenn Sie dazu noch die Augen aufmachen, können Sie zum Beispiel auf Ämtern, bei Ärzten und in Geschäften sehen, dass viele dieser Menschen, auch Thilo Sarrazins „Kopftuchmädchen“, ebenso gut deutsch schreiben können.

Vor etlichen Jahrzehnten konnte man beobachten, wie türkische Schulmädchen, selten auch Jungs, ihren Müttern beim Einkaufen im Supermarkt halfen und für sie dolmetschten. Vor allem die Frauen der ersten Immigrantengeneration konnten kein oder zu wenig deutsch, um sich mit uns verständigen können. Heute sprechen und schreiben alle Nachkommen der Einwanderer aus der Türkei und dem Morgenland deutsch.
Sprachkompetenz, Beherrschung der Sprache des Landes, in dem man lebt, ist jedoch kein Beweis dafür, dass man integriert ist. Auch Salafisten, nicht nur deutschstämmige Konvertiten, können deutsch.

„Wann ist ein Zuwanderer eigentlich integriert?“ fragt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und antwortet: „wenn die durchschnittliche wirtschaftliche und soziale Lebenslage der Migranten beim Mittelwert der Gesellschaft angekommen ist“.
Ich meine, es gehört mehr dazu, nämlich: sich an die Gesetze und die Regeln des freundlichen, wenigstens einvernehmlichen Umgangs miteinander zu halten, einander zu achten. Eine Frage der Selbstachtung, Rücksicht und Toleranz.

B. T., Sie schreiben: „Die zentrale Frage bleibt, wie man jemanden integrieren will, der darauf gar keine Lust hat und sich dem verweigert.“
Ich würde mich auch weigern, mich integrieren zu lassen, zumal in eine Gesellschaft, in der ich überall auf Ablehnung stoße. Die Integration von Immigranten kann nur durch Kommunikation und Interaktion beider Seiten gelingen: wenn Einheimische und Einwanderer auf einander zugehen, einander kennen lernen (PEGIDA hat oder hatte die meisten Anhänger dort, wo die wenigsten Muslime leben!?) und einander Erfahrungen und Wissen austauschen. Im Ruhrgebiet, wo die meisten Immigranten und ihre Nachkommen leben, klappt das am besten.
Die ersten Muslime, die in den 60er Jahren in großer Zahl hierher kamen, waren türkische Bergarbeiter. Die schwere und nicht ungefährliche Maloche unter Tage erwies sich hier als integrierender Faktor, der alle nationalen und rassischen Unterschiede bei den Bergleuten aus vielen europäischen und außereuropäischen Ländern verschwinden ließ. Da musste sich einer auf den anderen verlassen können. Sie fühlten sich als Kumpel und waren es auch.
Als sich herausstellte, dass sie keine „Gastarbeiter“ mehr waren, sondern weiterhin im Bergbau gebraucht wurden, holten sie ihre Familien nach Deutschland. Die meisten kamen aus den ärmsten, patriarchalisch geprägten und kulturell rückständischen Regionen der Türkei, wo Kinder arbeiten mussten und an Schule und Bildung kaum zu denken war. Deshalb blieben die türkischen Familien in ihren Wohngebieten nahe der Bergwerke weitgehend von der übrigen Bevölkerung isoliert. Sie kapselten sich in der ihnen fremden Welt ab, hörten auf ihren Imam und pflegten um so intensiver die alten, ihnen vertrauten Sitten und Gebräuche. Dadurch bewahrten Sie ihre ethnische Identität. In den Zechenkolonien, wo auch Deutsche wohnten, kamen sich die Familien verschiedener Herkunft näher, lebten und feierten miteinander.

Aber sie wurden auch schon damals angefeindet, nicht nur sie, auch Griechen, Spanier und Italiener: von Kleinbürgern und Neonazis, die sich aus dem Kleinbürgertum rekrutierten. Das Kleinbürgertum ist heute fast verschwunden, aber seine Mentalität ist geblieben – im Mittelstand.
Soweit ich mich erinnere, gab es noch keine Integrationsprogramme. Um die Arbeitsimmigranten und ihre Familien kümmerten sich Gewerkschaften, „Arbeitgeber“ und Volkshochschulen. So lag es nahe, dass der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt die Probleme der „Gastarbeiter“ thematisierte und sie selber zu Wort kommen ließ, auch in unserer Recklinghäuser WLA-Werkstatt, die ich in den 70er Jahren mitgegründet habe.

Zur gleichen Zeit entstand in Recklinghausen ein deutsch-türkischer Verein. Mitglieder waren Deutsche und Bergbauingenieure, LehrerInnen, KünstlerInnen, AutorInnen und andere Intellektuelle aus der Türkei. Sie mieteten eine kleine ehemalige Schule, machten sie zu einem interkulturellen Treffpunkt und bereicherten durch öffentliche Veranstaltungen unsere Stadt. Einige von ihnen haben deutsche Frauen geheiratet und sich völlig assimiliert.

Zülfü Livaneli, türkischer FreiheitssängerDer türkische Freiheitssänger, Schriftsteller und Filmregisseur Zülfü Livaneli bei einer Veranstaltung des Jungen Forums in Recklinghausen (70er/80er Jahre).
Foto © Dietrich Stahlbaum

Ich habe Anfang der achtziger Jahre im Recklinghäuser Stadtteilkulturreferat und später in der Stadtbücherei an verschiedenen Integrationsprojekten mitgewirkt. In den Stadtteilen RE-Süd, Hochlarmark, Suderwich, König Ludwig und in der Dortmunder Straße, in deren unmittelbarer Nähe ich wohne, war und ist der Anteil türkischer Familien sehr hoch, und es gibt hier schon lange Moscheen. Wir haben durch unsere städtischen Projekte (VHS-Kurse für Jugendliche und Erwachsene, darunter auch ältere türkische Frauen, türkischsprachige Literatur und Veranstaltungen in Türkisch und Deutsch in der Stadtbücherei, gemeinsames Kochen, multikulturelle Straßenfeste u. a.) viel erreicht, trotz mancher Widerstände der Patriarchen aus Anatolien. (Die patriarchalischen Strukturen, besonders in den armen, ländlichen Gebieten der Türkei, sind lange vor dem Islam entstanden.)

Türkische Kinder lernen Deutsch, 1982
Türkische Kinder lernen Deutsch, 1982 Foto: dst.

Einige der jungen Türkinnen und Türken haben den Sprung in mittelständische, z. T. sogar in akademische Berufe geschafft.
Darüber hinaus wurden in einem deutsch-türkischen Verein Kontakte geknüpft und Freundschaften geschlossen.

Diese guten Ansätze wurden nach der „Wende“, als das sozialpolitische Klima umschlug, zunichte gemacht. Viele der jungen Türkinnen und Türken fühlen sich mit ihren Identitätsproblemen zwischen zwei Kulturen allein gelassen und überfordert. Daraus erklären sich die Probleme, die manchen von uns unlösbar erscheinen: Integrationsunfähigkeit und -verweigerung, Jugendkriminalität, Radikalisierung etc. Andererseits haben sich 85-90% der Migranten integriert, oder sie bemühen sich darum. Das sollten wir nicht ignorieren!

Ein beispielhaftes, weil erfolgreiches Programm:

Australien:
Wo sich Wertschätzung anderer Kulturen und Integration nicht ausschließen

Für Australien ist Einwanderung lebensnotwendig. Darauf hat sich das Land eingestellt. Mit dem “Adult Migrant English Program”, bietet es Neueinwanderern weit mehr als nur Sprachkurse. Ein Vorbild für Deutschland?

Von Annett Klinzmann

Das Adult Migrant English Program, kurz AMEP genannt, hat seinen Ursprung in einem Aufnahmelager in Bonegilla im Bundesstaat Victoria. Heute, über 65 Jahre später, wird das Programm meist kostenlos an 250 Orten angeboten und jährlich von rund 60.000 Einwanderern in Anspruch genommen.

Das AMEP ist jedoch kein reines Sprachlernprogramm. Es ist integrer Bestandteil australischer “Settlement-Politik”, die Neueingereiste in den ersten fünf Jahren unterstützt. Settlement-Politik bezieht sich auf staatlicher Leistungen für Personen, die über keine oder geringe Englischkenntnisse verfügen. Dazu gehört u.a. auch ein Übersetzungs- und Dolmetscherservice. Diese Maßnahmen haben vor allem das Ziel, Einwanderer so schnell wie möglich zu Eigenständigkeit zu befähigen…   → http://www.migazin.de/2015/03/05/australien-wo-wertschaetzung-kulturen-integration/
Der weitaus größere Teil der in Deutschland lebenden Muslime und Muslimas ist integriert bzw. will Integration. Umfragen und Studien beweisen es. Beispiel: »Die Forscher definieren Integration als das „Bewahren der traditionellen Herkunftskultur und die gleichzeitige Bereitschaft zur Übernahme der deutschen Mehrheitskultur“. 78 Prozent der deutschen Muslime zwischen 18 und 32 Jahren befürworten laut der Studie Integration, 52 Prozent der Muslime ausländischer Nationalität.« [Lebenswelten junger Muslime in Deutschland. Studie der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, 1. Auflage, November 2011, 764 Seiten]

B. T., Sie hingegen meinen: „Trotz einem gigantischen Aufwand, der sich sowohl in finanziellen Hilfen als auch in jeder anderen Weise zeigt, sind wir nicht zu einer Integration gekommen.
Im Gegenteil wird eine Segregation bei einem erheblichen Teil der Menschen mit Migrationshintergrund immer deutlicher wahrnehmbar und das nach fast 60 Jahren der Anstrengung diese Menschen zu integrieren.“

Da ist zuerst einmal ein Widerspruch zu klären: „Segregation“ (von segregare: absondern, trennen) setzt Integration voraus, nämlich ein Ganzes, von dem etwas abgesondert, getrennt wird bzw. sich selber absondert, abtrennt.
Dann würden wir, auch unsere Mitleser, von Ihnen gern hören, wie, wodurch, von wem Sie zu Ihrer negativen Einschätzung gekommen sind. Eigene Beobachtungen und persönliche Erfahrungen – welche? Bitte konkret! Oder lediglich durch Meinungen Anderer (in Facebook, Blogs, Flugschriften, bei Veranstaltungen etc.)? Oder ist es ein Bauchgefühl, welches Ihnen sagt, dass in der Welt, in der wir leben müssen, manches nicht in Ordnung ist?

Segregation. Meinen Sie die jungen Salafisten, die, vormals in unserer Gesellschaft integriert, sich ihr entfremdet und abgesondert haben? Das mag für einige wenige zutreffen, aber warum? Das wäre gründlich zu erforschen, um vorbeugen und verhindern zu können. Die Mehrheit von ihnen, denke ich (denn ich weiß es nicht), fühlt sich zu zuhause in ihren Familien nicht geborgen und nicht anerkannt, sieht sich zwischen den Kulturen hin- und hergerissen und sucht sich eine andere Identität, um sich bewähren und bestätigen zu können. Sie war also nicht integriert.
Hier wäre anzusetzen. Dazu bedarf es vieler und guter Psychologen, der streetworker. Da versagt der Staat, versagen die Mehrheitspolitiker, versagt unsere entsolidarisierte, dem Konsumismus verfallene Gesellschaft.

Die heutige Situation ist etwas anders als in dem 70er/80er Jahren, weil seit der rotgrünen Koalition des Bastakanzlers Schröder unser Sozialsystem in eine Schieflage geraten ist, die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klafft, Existenzangst die Mittelschicht erreicht hat und Ausländer und Immigranten als Sündenböcke herhalten müssen. Anstatt dass die Struktur-, die Systemfrage gestellt, gründlich erörtert und gelöst wird.
Ich bin zwar erst 88, bald 89, aber alt genug, um einen einigermaßen großen Zeitraum überschauen und die gegenwärtigen Zustände auf unserem Planeten realistisch einschätzen zu können.

Wie die türkischen „Gastarbeiter“ der NATO aus der Patsche halfen. 2. Replik

Hallo Herr T.,

über Sinn und Unsinn, Gründe und Folgen der Einwanderung türkischer Arbeiter seit 1960 gibt es verschiedene Ansichten, die sich teilweise ergänzen, teilweise widersprechen. Dies hängt damit zusammen, dass es – selbst bei der Bewertung von Fakten, Zahlen, Statistiken – keine Objektivität geben kann, weil Wahrnehmung, Auffassung und Beurteilung politischer, mithin auch gesellschaftspolitischer Prozesse interessengelenkt sind.

Deshalb will ich versuchen, Ihnen aus meiner Sicht, so weit hier möglich, differenziert und detailliert zu antworten. In einigen Punkten kann ich Ihnen zustimmen, in anderen nicht.

Sie schreiben, „dass die (türkischen, Anmerkung dst.) Migranten nicht nach Deutschland kamen, weil sie hier beim Wiederaufbau helfen sollten oder weil sie hier gebraucht wurden. Sie durften in erster Linie hierher kommen, um der Türkei zu helfen ihren Bevölkerungsüberschuss friedlich abzubauen. Als auch dringend benötigte Devisen für ihr Land heranschaffen zu können. Das Arbeitgeber es natürlich begrüßt haben ein Heer von Billigarbeitskräften verfügbar zu haben, ist dabei unstrittig.“

Da gibt es zwei Auffassungen:

Die Historikerin Heike Knortz sieht gegenüber den wirtschafts- und innenpolitischen Ursachen ein „Primat der Außenpolitik“ und in der Zuwanderung eine ökonomische Fehlentwicklung der frühen Bundesrepublik. So seien nur veraltete Industrien wie der Kohlebergbau durch den Import von billigen Arbeitskräften künstlich am Leben gehalten und der Strukturwandel verhindert worden, mithin die Anwerbeabkommen überhaupt nicht an den arbeitsmarktpolitischen Bedürfnissen der BRD orientiert gewesen. [Wikepedia: Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei  → http://de.wikipedia.org /wiki/Anwerbeabkommen_zwischen_der_Bundesrepublik_Deutschland_und_der_T%C3%BCrkei#cite_note-14 ]

Necla Kelek: „Sie haben nicht Deutschland, sondern die Türkei gerettet: Warum vor fünfzig Jahren die ersten türkischen Gastarbeiter kamen und sie keine Opfer waren.“ [FAZ vom 29.10.2011    →  http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/integration/gastarbeiter-die-kunst-des-missverstehens-11502703.html ]

Auch Sie, Herr T., sehen es so: „Die deutsche Politik, getrieben von den USA, ließ Zuwanderung außerdem zu, da man eine starke Armee aufbauen sollte um im Ernstfall dem Warschauer Pakt die Stirn bieten zu können. Man befürchtete, dass dies die Verfügbarkeit von Arbeitskräften hätte einschränken können. Es hätte aber auch andere Lösungen gegeben.“

Es waren also vor allem geopolitische Gründe: die Wiederbewaffnung der BRD und die NATO-Mitgliedschaft der Türkei (seit 1952). Es war falsch, dass die BRD sich am Kalten Krieg beteiligt hat. Sie hätte sich nach dem 2. Weltkrieg neutral verhalten müssen, wie Österreich, anstatt sich der USA, einem “Moloch“ (Karlheinz Deschner), anzudienen.

Die UdSSR hatte mit ihrem Riesenimperium genug Probleme und daher keine Expansionsgelüste. Die „Zofjets“ (Adenauer) haben zwar ihre sozialistischen „Bruderländer“ wirtschaftlich und militärisch unterstützt, aber längst nicht in dem Maße, wie die USA weltweit interveniert und sich breit gemacht, Militärstützpunkte errichtet, mit faschistischen Militärdiktaturen paktiert, Kriege angezettelt und selber geführt haben, unter anderem in China 1945-49…, Vietnam, 1950-73…, Chile, 1964-73…, Afghanistan 1979-92…, Irak…, um ihre politische und wirtschaftliche Hegemonie über fast den gesamten Globus auszuweiten und zu sichern. Eine neokolonialistische Globalisierung, die eine Volkswirtschaft nach der anderen zerstört, Staaten in den Ruin getrieben (Bsp. John Perkins: Bekenntnisse eines Economic Hit Man →  http://de.wikipedia.org/wiki/Bekenntnisse_eines_Economic_Hit_Man ) und auch die Ökologie aus dem Gleichgewicht gebracht hat.

Nach diesem kurzen Ausflug in die Weltpolitik zurück zu unseren türkischen Einwanderern: Deutschland fehlten tatsächlich nach 1945 Arbeitskräfte. Im 2. Weltkrieg starben zwischen 5,5 und 6,9 Millionen deutsche Soldaten. Genau lässt es sich nicht ermitteln. Dazu kamen Kriegsinvaliden, die nicht mehr arbeiten konnten (eine unbekannte Zahl), Zwangsarbeiter, darunter ca. 5,7 Millionen sowjetische Kriegsgefangene, von denen etwa 3,3 Millionen umkamen, „Ostarbeiterinnen“, von denen viele ermordet wurden, und die Überlebenden, die in ihre Heimatländer zurückkehrten: mehrere Millionen Arbeitskräfte, die nur durch Immigranten ersetzt werden konnten. Auch ohne Wiederbewaffnung und Wehrpflicht hätten noch 15 Jahre nach Kriegsende so viele Menschen gefehlt, am meisten Bergleute, Bauarbeiter, Industriearbeiter. Die Arbeitslosigkeit war zwischen 1960 und 1971 auf dem niedrigen Niveau von 1,3% bis 0,8%.

Die türkischen „Gastarbeiter“ sollten nach 2 Jahren ausgewechselt werden und wieder „zwingend“ in ihre Heimat zurückkehren. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Rotationsprinzip nicht praktikabel war; die „Gastarbeiter“ blieben und holten ihre Familien ins Land.

Anders als Heike Knortz und Necla Kelek bewertet der Migrationsforscher Friedrich Heckmann die Immigration. Nach seinen Berechnungen „ermöglichte die Zuwanderung zwischen 1960 und 1970 ca. 2,3 Millionen Deutschen den sozialen Aufstieg von Arbeiter- in Angestelltenpositionen“. Und nach Karl-Heinz Meier-Braun „hätten ohne die Zuwanderung bereits 1971 die Rentenversicherungsbeiträge erhöht werden müssen, ja die Rentenversicherung sei geradezu von den ausländischen Arbeitnehmern ´subventioniert` worden, da den eingezahlten Beiträgen nur rund ein Zehntel an Leistungen gegenüberstand.“ [Wikipedia: Anwerbeabkommen… s. o.]

Jetzt zu Ihren Zahlen, Herr T. Sie zitieren aus dem STERN vom 8. August 2008:

„Migranten in Deutschland: 15,3 Millionen;
Anteil der Migrantenfamilien: 27 Prozent;
Migrantenquote bei Kindern bis zwei Jahre: 34 Prozent;
Migranten ohne Berufsabschluss: 44 Prozent;
Migranten im Alter zwischen 22 und 24 Jahren ohne Berufsabschluss: 54 Prozent;
türkische Migranten ohne Berufsabschluss: 72 Prozent;
erwerbslose Migranten: 29 Prozent;
einkommensschwache Migranten: 43,9 Prozent;
Migranten in Armut: 28,2 Prozent;
Migrantenkinder in Armut: 36,2 Prozent;
türkische Migrantenkinder mit Misshandlungen und schweren Züchtigungen in den Familien: 44,5 Prozent;
Berliner Migrantenkinder mit Förderbedarf in deutscher Sprache: 54,4 Prozent;
Migrantenquote an der Eberhard-Klein- Schule, Berlin-Kreuzberg: 100 Prozent;
Migrantenanteil bei Jugendlichen mit über zehn Straftaten in Berlin: 79 Prozent.“

[Quelle  →  http://www.stern.de/politik/deutschland/zwischenruf-die-vergrabene-bombe-634119.html ]

Offensichtlich wird hier nicht zwischen der Situation in Gesamtdeutschland und in den Problembezirken Berlins unterschieden. Eine typische Methode der Irreführung. Recklinghausen-Süd, -Hochlarmark, -König-Ludwig, -Suderwich, -Dortmunder/Hiberniastraße sind nicht Berlin-Kreuzberg. Berlin-Kreuzberg erlaubt kein Pauschalurteil über die Situation der türkischen Migranten in D.

Abgesehen davon: Ich war 2002 zehn Tage lang mit meiner Frau Gast bei einer Dipl.-Psychologin in Kreuzberg. Sie wohnte mit türkischen Familien im selben Haus und betreute Immigranten im ganzen Bezirk. Wir haben natürlich auch über deren Situation und über Integrationsprobleme gesprochen und konnten uns vor Ort einen Einblick verschaffen. Es wurde nichts beschönigt, aber die damals 4 Jahre alten statistischen Zahlen hätten sich, hätten wir sie gekannt, als weit übertrieben erwiesen.

Thilo Sarrazin, möglicherweise ein Abkömmling muslimischer Sarazenen  und in Recklinghausen geboren, hat sich später solcher Zahlen bedient und ist widerlegt worden. Darauf habe ich in einem Leserbrief hingewiesen und habe dann etliche Schmähbriefe bekommen – unter falschen Namen und Versenderadressen.

Herr T., Sie zitieren aus einem Artikel der FAZ vom 25. 06. 2010: „Eine Billion Euro Sonderschulden aber hatte Deutschland bereits 2007 für Migranten, die mehr aus den Hilfesystemen entnehmen, als sie aufgrund schlechter Schulleistungen und anderer Handicaps in sie einzahlen können. Auf jeden der 25 Millionen vollerwerbstätigen Nettosteuerzahler fallen allein für diese historisch einmalige Aufgabe 40.000 Euro Schulden.“ [→  http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/integration/die-schrumpfvergreisung-der-deutschen-deutschland-verschlaeft-den-kampf-um-talente-1579548.html ]

Differenzierter ist eine Studie der Uni Münster, die sich allerdings auch nur indirekt auf die türkischen Migranten bezieht →   http://www.wiwi.uni-muenster.de/insiwo/studieren/vorl/VWL_WI/WS1415/Exkurs-Nutzen-und-Kosten-von-Einwanderung.pdf

Wie wir es drehen und wenden, Migration und Integration sollten nicht Fragen der Perspektive und Interessen sein. Denn es handelt sich um Menschen. Und Menschen sollten nicht zur Ware gemacht und nicht zu Sündenböcken abgestempelt werden. In einem so reichen Land wie Deutschland, in dem die sozialen Verhältnisse nicht mehr stimmen, ist Platz genug für Menschen in Not, ganz gleich, ob es MigrantInnen, ImmigrantInnen oder Asylsuchende sind – dieser Reichtum muss nur umverteilt werden (Stichwort: Reichensteuer, Tobin-, /Transaktionssteuer). Wer sich dafür nicht einsetzt, stattdessen gegen „Überfremdung“ und „Islamisierung des Abendlandes“ protestiert, braucht einen Prügelsack. Den kann man mit wenigem Aufwand selber herstellen, oder man kauft einen Boxsack.

Herr T. und die Wirklichkeit. 3. Replik

Hallo Herr T.,

Jeder hat wohl seine eigene Realität. Bei Ihnen liegen 42,7 % „nahe 50 %“, sind Neueinwanderer mit höchstem beruflichen und allgemeinbildenden Schul- bzw. Hochschulabschluss „Hochgebildete“, ist die Studie der Uni Münster eine „angebliche“ und dazu noch „derart manipuliert“, „dass es schon wehtut“ – ojeee!

Bei Ihnen gewinnt man durch eine Statistik einen „besseren Eindruck der Realität“ als durch einen „Kurzbesuch“ von immerhin 10 Tagen bei einer Dipl.-Psychologin, die mit türkischen Familien im selben Haus gewohnt und Immigranten im ganzen Bezirk betreut hat. (Zur Erinnerung: „Wir haben natürlich auch über deren Situation und über Integrationsprobleme gesprochen und konnten uns vor Ort einen Einblick verschaffen. Es wurde nichts beschönigt, aber die damals 4 Jahre alten statistischen Zahlen hätten sich, hätten wir sie gekannt, als weit übertrieben erwiesen.“ S. o.)
Ihre Wirklichkeit besteht darin, Teile für das Ganze zu halten, konkret: Zustände, die in Berliner Problembezirken beobachtet und statistisch erfasst worden sind, auf die gesamte Bundesrepublik zu übertragen, zu projizieren und daraus Horrorvisionen zu entwerfen, ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass es, wie ich eingangs schrieb, „selbst bei der Bewertung von Fakten, Zahlen, Statistiken keine Objektivität geben kann, weil Wahrnehmung, Auffassung und Beurteilung politischer, mithin auch gesellschaftspolitischer Prozesse interessengelenkt sind.“

Ihre Wirklichkeit besteht darin, sich bei der Frage nach dem Reichtum in Deutschland auf eine Studie der Bundesbank zu berufen, in der statistische Durchschnittswerte der privaten Haushaltsvermögen statistisch erfasst sind, nicht die Zahlen, die die Verteilung dieses Vermögens, vor allem der Spitzenvermögen und den fortschreitenden Zerfall unserer Gesellschaft in Arm und Reich belegen und die soziale Schieflage zeigen. Die Staatsschulden habe ich nicht gemeint. Sie stehen auf einem anderen Blatt.

Herr T., Sie werden als Realist sich damit abfinden müssen, dass es Menschen gibt, die die Welt mit anderen Augen sehen als Sie, die Wirklichkeit anders wahrnehmen als Sie, weil diese Menschen in anderen Verhältnissen aufgewachsen sind als Sie, eine andere Sozialisation, ein anderes Leben haben, andere, sie prägende Erfahrungen, andere Kenntnisse, eine andere Bildung, ein anderes Wissen und andere Interessen, deshalb auch andere Ansichten haben können als Sie.
Realitätsblind ist, wer das nicht wahrhaben will oder nicht verstehen kann, was uns veranlasst, so zu denken und zu handeln, wie wir es tun. In einem Satz zusammengefasst: Unsere Wahrnehmung ist stets perspektivisch, meistens selektiv und selten ganzheitlich.

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