Die Aktentasche

Dietrich Stahlbaum

Die Aktentasche

Aktentasche
Sie hängt hier schon seit einiger Zeit im Flur. Ich habe sie aus dem Keller heraufgeholt. Dort lag sie Jahrzehnte lang zwischen Gerümpel, vergessen und verstaubt. Als ich sie wieder sah, nahm ich sie in die Hände und schaute sie mir genauer an. Echtes Rindsleder, vor vierzig Jahren ein wertvolles Stück.
Ich habe es sorgfältig gepflegt, habe es immer wieder mit Kernseife abgewaschen, Schuhcreme eingerieben und das Leder poliert, bis es glänzte. Mindestens zwei Mal mussten die Nähte ausgebessert werden. Eine mühsame Handarbeit, bei der ich mir mit der krummen Ledernadel in den Finger stach. Nach zehn oder fünfzehn Jahren war die Tasche so abgenutzt, dass ich eine neue in Erwägung ziehen und schließlich kaufen musste. Die alte verschwand im Keller.
Als ich sie wieder entdeckt habe, begann ich über sie nachzudenken, und mir wurde bewusst, dass ich die Tasche zwar stets sorgfältig gepflegt, aber ihre Verdienste nie so recht gewürdigt habe. Dies hole ich jetzt nach:
Vor vierzig Jahren gekauft, war sie meine arbeitstägliche Begleiterin (einschließlich samstags!) und hat den sicheren Transport einer Tageszeitung, einer vollen Thermosflasche und einer Brotbüchse zum Arbeitsplatz gewährleistet. In der damals noch kurz bemessenen Freizeit hat sie sozusagen politische Aufgaben wahrgenommen. In ihr befand sich nämlich allerlei Schriftwerk: hektographierte Broschüren, selbst gefertigte Flugblätter, Wahlkampfmaterial, Aufrufe und Manifeste für und wider etwas, und so half sie, auf Straßen und Plätzen – wie wir es genannt haben –: „Gegenöffentlichkeit herzustellen“.
Und auch manches Buch wurde, vor Regen, Eis und Schnee geschützt, in dieser Tasche nach Hause getragen. An feuchten Tagen diente sie als Sitzunterlage bei Open Air-Veranstaltungen.
Nun habe ich sie von der Wand heruntergenommen, nicht weil sie – eigentlich ein zeitloser Gebrauchsgegenstand – wieder modern ist, sondern aus einem besonderen Grund: Fukushima! Die Sicherheit beziehungsweise Unsicherheit aller, nochmals: aller Atomkraftwerke ist unüberhörbar im Gespräch. Und dies weckt Erinnerungen an einen Atomminister (war es Franz Josef Strauß?), der empfohlen haben soll, im Falle eines Super-Gaus eine Aktentasche über dem Kopf zu halten, um sich vor dem Fallout zu schützen. Das habe ich eben geübt:

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Ein Gedanke zu “Die Aktentasche

  1. So schön ist meine Aktentasche nicht mehr – und wenn ich auch öffentlich immer behaupten würde, dass ich mein Herz nicht an Dinge hänge: Ich hänge an ihr. Nach vier Jahre Grundschule hat meine Tochter sie an mich abgetreten und seit etwa 1998 muss sie mit zur Arbeit – und ohne sie gehe ich nicht. Solange ich will/muss/kann/darf, soll sie auch – und dafür stecke ich schon mal ein paar Euro in unvermeidliche Reparaturen. So geschickt, das selbst zu machen, bin ich nicht. Und nach dem obigen Beitrag weiß ich nun auch endlich, dass sie viel wichtiger ist, als ich je vermutet habe. Danke für die schöen Würdigung eines im wahrsten Sinne des Wortes alltäglichen Gegenstandes.
    Viele Grüße
    Manfred Voita

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