Gautama Buddha und Immanuel Kant

Ich habe in Kants Werken nichts gefunden, was darauf hinweist, dass der Philosoph den Buddhismus gekannt hat. Es gab damals noch keine Übersetzungen buddhistischer Texte ins Deutsche, und die die Pali-Urschriften, die den „ganzen Buddha“ – wir können annehmen – authentisch enthalten, waren hier noch nicht entdeckt. Auch die Quellen, aus denen später – z. B. von Schopenhauer – geschöpft worden ist, waren bereits Interpretationen und keine Originale, sowie schlechte Übersetzungen von Originalen. Deshalb wurde die Lehre Buddhas damals aus der Sicht europäischer Philosophen und christlicher Theologen rezipiert und missverstanden. Schopenhauer z. B. übertrug seinen eigenen Pessimismus auf den Buddhismus und charakterisierte ihn als eine pessimistische Religion. Der ursprüngliche Buddhismus ist jedoch weder pessimistisch noch eine Religion. Gautama Buddha hat sogar bezweifelt, dass seine Lehre ihn lange überdauern würde und sie als Vehikel bezeichnet, das zu selbständigem Denken führen solle:
»Der Buddha, Gotama Buddha hat, ebenso wie Laotse, gezeigt, daß allein die Intuition, der direkte Weg, zur tiefsten Erkenntnis führt. Beide waren keine Dogmatiker. Gotama Buddha sagte einmal, er sei nichts weiter als ein „Wegweiser“. Seine Lehre verglich er mit einem Floß, das man sich zusammenbindet, um damit von einem schreckensvollen, gefährlichen Ufer zu einem anderen, geschützten, ungefährlichen Ufer überzusetzen. Drüben wird das Floß nicht mehr gebraucht. Worauf es ankommt: „Mit Händen und Füßen sich selber anstrengend“, hinüberzugelangen, das Floß am Ufer festzumachen oder es zu zerstören – und seines Weges zu gehen. Niemand kann einem dabei helfen.
Gotama Buddha hat davon abgeraten, an seinem Wort zu haften, an Worten kleben zu bleiben oder gar Wortklauberei zu betreiben:
„Alle Lehren des Buddha sind ein Finger, der zum Mond zeigt“, heißt es im SUTRA DES VOLLKOMMENEN ERWACHENS. Sprache, verbale Kommunikation, dient einzig und allein der Orientierung auf dem Weg in einen sprachlosen Raum. In diesen begibst du dich beim Zazen, beim Sitzen in Selbstversenkung – hellwach, konzentriert und sehr achtsam.
Miros, es kommt nicht darauf an, die Welt zu interpretieren, sondern uns selber so wahrzunehmen, wie wir sind – ohne Illusionen.«
Ein Rôshi [buddh. Zen-Lehrer] zu Miros, einem desertierten Fremdenlegionär in einem buddh. Kloster.
[In: Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht, Aachen 2000, S. 239, , Printausgabe vergriffen, jetzt als eBook → http://www.bookrix.de/_ebook-dietrich-stahlbaum-der-ritt-auf-dem-ochsen-oder-auch-moskitos-toeten-wir-nicht/ ]
„Mit Händen und Füßen sich selber anstrengend“, hinüberzugelangen, das Floß am Ufer festzumachen oder es zu zerstören – und seines Weges zu gehen. Niemand kann einem dabei helfen.“ Erinnert dies nicht an Immanuel Kants Definition der Aufklärung und die Aufforderung: „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ ?!
Beide, Gautama Buddha und Kant, waren Agnostiker und Kritiker religiöser Metaphysik, beide waren Aufklärer, jeder auf seine Weise, Gautama erlangte Erkenntnis (= Erleuchtung) durch intuitive Erfahrung,  Kant durch komplizierte Denkprozesse.

2 Gedanken zu “Gautama Buddha und Immanuel Kant

  1. Metaphysische Spekulationen?

    # Nzume Stephen: Stahlbaum, und wem vertraust du mehr: dem Buddha oder dir selbst ? (Achtung, Catch 22 „wink“-Emoticon )

    Paradoxerweise ist es doch dein denkendes – Aussagen als richtig/ stimmig oder falsch/unstimmig bewertendes(!) – Selbst, welches dem Buddha artig beipflichtet. Ich finde das in paradigmatischer Hinsicht immer ein interessantes Phänomen: Denn geht’s bei dem Ganzen darum, ein Musterschüler irgendeiner geachteten „Dogmenlehre“ zu werden… (setze das sicherheitshalber mal in Klammern, um keine buddhistischen Gefühle zu verletzen…) und sich für alle Ewigkeit mit diesem Floss auf`m Rücken untertänig einem äußerlich vordefinierten Ziel entgegen zu schleppen?…

    Replik:

    So kann man es auch sehen. Aber wozu solche metaphysischen Spekulationen (über „Erleuchtung“ etc.)? Heute stellen sich ganz andere Fragen: Wie müssen wir unser Leben, das individuelle und das kollektive, gemeinschaftliche, so organisieren und gestalten, dass Gerechtigkeit und Frieden möglich wird und das ökologische Gleichgewicht annähernd wieder hergestellt werden kann, damit die selbstzerstörerische Gewalt, die globale Ausmaße hat, beendet wird? Dieser Frage sollten auch Buddhisten sich nicht entziehen.

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